ZDF aspekte Grönland mit dem Inuit Verlag
aspekte Grönland: Was eine Fernsehreise an den Polarkreis über Identität, Kolonialismus und Gemeinschaft erzählt
Der Inuit Verlag war dabei, als ZDF aspekte für eine Reportage nach Grönland reiste und auch zu uns in die Eifel kam.
Als das Team von ZDF aspekte für die Sendung vom 24. April 2026 nach Grönland aufbrach, hatten sie keine einfache Reisereportage im Sinn. Die Frage, die Moderatorin Salwa Houmsi auf 5.500 Kilometer Entfernung von Berlin trieb, klingt schlicht, ist es aber nicht: Wie sehen sich die Grönländer selbst?

Sisimiut zu Ostern: ein Festival als Seismograf
Der Ausgangspunkt ist Sisimiut, die zweitgrößte Stadt des Landes, direkt am Polarkreis. Jedes Jahr zu Ostern verwandelt sich die kleine Stadt in ein Zentrum arktischer Kulturproduktion. Das Arctic Sounds Festival bringt Musikerinnen und Musiker aus Grönland und anderen Polarregionen zusammen, verbindet Konzertbühne mit Workshops und Debatten über Identität und Selbstwahrnehmung. Wer verstehen will, wie Grönland über sich selbst nachdenkt, findet hier einen guten Einstieg.
Genau hier setzt die aspekte Grönland Reportage an: nicht beim Blick von außen, beim Klischee von Eisbergen und Hundeschlitten, sondern bei den Menschen, die dieses Land täglich neu verhandeln.
Kalaallisut oder Englisch: Sprache als politische Entscheidung
Identität beginnt mit der Frage, in welcher Sprache man singt. Simon Lynge, Sohn eines grönländisch-dänischen Paares, ist zwischen den Kontinenten aufgewachsen und lebt heute in den USA. Seine Songs entstehen auf Englisch, seine Bindung an Grönland ist dennoch tief. Für das Duo TIU, Ivik Larsen und Pernille Kreutzmann, wäre das keine Option: Sie singen ausschließlich auf Kalaallisut, der Sprache der Kalaallit Inuit, aus politischer Überzeugung. Ebenso der Rapper Tarrak, dessen Texte das koloniale Erbe Dänemarks direkt adressieren ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. .
Drei Positionen, die zeigen: Es gibt nicht die eine Antwort auf die Frage nach grönländischer Identität. Es gibt Aushandlungsprozesse, die gerade erst begonnen haben.
Kolonialgeschichte ohne Aufarbeitung
Die aspekte Grönland Reportage weicht dem unbequemen Teil nicht aus. Ujammiugaq Engell, Historikerin und Direktorin des Lokalmuseums in Nuuk, ist eine der intellektuell schärfsten Stimmen Grönlands zu diesem Thema. Ihr Befund: Die Aufarbeitung kolonialer Traumata steht noch ganz am Anfang. Dass viele Dänen sich in dieser Frage längst im Ziel wähnen, macht die Sache nicht einfacher.
Engell gehört auch zum Team des Bestiarium Groenlandicum, dem von Maria Kreutzmann herausgegebenen Kompendium der grönländischen Mythen- und Sagenwelt, das bei uns im Inuit Verlag erschienen ist. Ihre Perspektive auf Geschichte und Erinnerung durchzieht das Buch ebenso wie den Film.
Was Jahrtausende des Überlebens mit einer Gesellschaft machen
Miki Jakobsen, Künstler mit internationalem Renommee, Maler, Grafiker, Bildhauer, beschreibt den kulturellen Kern Grönlands nicht über Sprache oder Politik, sondern über das Verhältnis zur Natur und zur Zeit. Eine Kultur, die über Jahrtausende ums Überleben kreiste, entwickelt andere Werte als eine, die es sich leisten konnte, Komfort als Normalzustand zu definieren.
Maria Kreutzmann, Herausgeberin des Bestiarium groenlandicum, bringt das auf einen Satz, der im Gedächtnis bleibt: Die Grönländer seien unter sich leise. Man wisse, man teile einen Raum. Erst wenn Fremde eintreten, werde es laut. Und laut sei man ohnehin nur, wenn man wirklich lache. Weil dieses Lachen aus dem Innersten komme.
Wer das liest, bekommt eine Ahnung davon, was das Bestiarium Groenlandicum als Buch trägt: nicht folkloristisches Inventar, sondern gelebte Weltsicht.
Von Sisimiut in die Birresborner Eishöhlen
Die Reise des aspekte Grönland-Teams endete nicht in Grönland. Sie führte auch in die Eifel, auf die Leipziger Buchmesse und schließlich in die Birresborner Eishöhlen, wo Laali Lyberth vom Inuit Verlag aus dem Bestiarium Groenlandicum vorlas, auf Kalaallisut, zwischen Lava und Eis. Ein Ort, der zufällig und doch folgerichtig ist: Vulkaneifel trifft Arktis, zwei Landschaften, die beide von elementaren Kräften geformt wurden.
Wir freuen uns auch sehr darüber, das unsere Freunde Dida G. Heilmann, Angunnguaq Larsen und Miki Jakobsen vom inua showroom sind weitere Stimmen im Film, grönländische Freunde des Inuit Verlags, die man gehört haben sollte.
Den Film sehen
Die aspekte-Grönland-Reportage »Wer sind sie, diese Grönländer?« ist 44 Minuten lang und in der ZDF Mediathek abrufbar:

Das Bestiarium Groenlandicum ist im Inuit Verlag erschienen.
Bestiarium Groenlandicum – Die mythischen Wesen Grönlands
Recherche:
Maria Bach Kreutzmann, Ujammiugaq Engell, Robin Fenrir Mansa Hillestrøm und Qivioq Nivi Løvstrøm
Übersetzung ins Deutsche:
Miranda M. Nicholas-Zaar und André Wilkening
Illustration:
Agust Kristinsson, Carina Lillegaard Løvgreen, Christian Fleischer Rex, Coco Apunnguaq Lynge, Jonatan Brüsch, Maja-Lisa Kehlet, Maria Bach Kreutzmann und Martin Brandt Hansen
Ein Kompendium von Kreaturen, Geistern und fremdartigen Erscheinungen: Die grönländische Mythenwelt ist bevölkert von einer bunten Schar gefährlicher, frecher und fantastischer Wesen. Bestiarium Groenlandicum sammelt das Wissen über diese mythologischen Geschöpfe und erweckt sie durch spektakuläre Illustrationen zeitgenössischer grönländischer Künstler zu neuem Leben. Ein faszinierendes Kompendium zwischen Tradition und Moderne, das die rauen Geschichten des alten Grönlands ins 21. Jahrhundert transportiert.







